Wir kehren nach zweieinhalb Monaten Aufenthalt in Deutschland zurück nach Mexiko und setzen unsere Reise fort. Nicht ohne Hindernisse, doch abermals gewinnen wir neue Freunde hinzu – bis der Trip einmal mehr durch Umstände unterbrochen wird, mit denen wir nicht gerechnet haben.

Ein Todesfall in der Familie hat uns gezwungen, unsere Reise für zweieinhalb Monate zu unterbrechen. Doch nun starten wir wieder durch. Unser Freund Jimmy in Cancun hatte während unserer Abwesenheit die BMWs unter seine Fittiche genommen. Vor dem Start haben die Motorrad-Götter indes das Schrauben gesetzt. Die beim Hersteller frisch überholten LED-Scheinwerfer wieder einbauen, die Bikes von Salz und Modder befreien und eine Reihe von weiteren Reparaturarbeiten absolvieren.

Kupferwurm: Wir zerlegen die halbe Elektrik der Dakar.

Angesichts der unmittelbaren Nähe zum Golf von Mexiko haben die Fahrzeuge ordentlich Korrosion angesetzt. Und zu allem Überfluss haucht die Batterie der Dakar das Leben aus und die Blinker verweigern ihre Arbeit. Viel Recherche und noch mehr Messen entlarvt eine defekte Diode tief im Inneren des Motorrads als Übeltäter. Nach einer Woche schließlich sind wir startbereit.

Erwischt: Eine kaputte Diode hindert die Blinker an ihrer Tätigkeit.

Eine weitere Motorradsause

Doch die zweieinhalb Monate in Deutschland haben stark am verbleibenden Zeitbudget der Zollpapiere genagt, sodass wir beschließen mit Jimmy zu einem Motorradtreffen im Nachbarland Belize zu fahren. Und nach der Wiedereinreise nach Mexiko gibt es von Neuem sechs Monate für uns und die Bikes. So denken wir zumindest.

Die Zeit bis zur Abfahrt überbrücken wir mit einem Abstecher an die Golfküste von Yucatan, wo wir auf einer Bootstour eine gigantische Flamingo-Kolonie vor die Linse bekommen. Die majestätischen Vögel erhalten ihre rosa Farbe von den Pigmenten, die sie mit ihrer Nahrung aufnehmen.

Beatles auf der Abbey Road? Nein, Flamingo-Polonaise in Yucatan.

Von Kopf bis Fuß voll Schlamm

Nach alter Maya-Sitte reiben wir uns von Kopf bis Fuß mit dem kalkhaltigen, hellgrauen Schlamm ein. Die Maya verwendeten die Pampe, um beim Jagen den Körpergeruch zu überdecken, um der potenziellem Beute die Witterung zu nehmen. Beim Trocknen bildet das Mineral zwar einen unangenehm spannenden Panzer, angenehmer Nebeneffekt indes: Der Kalkschlamm reinigt die Haut und regt die Durchblutung an.

Schlamm-perei: Maya-Wellness mit kalkhaltiger Erde.

Wir wenden uns gen Merida im Herzen des Bundesstaats Yucatan. Die von den spanischen Conquistadoren erst 1542 entdeckte und schließlich vereinnahmte Maya-Stadt T`Ho bildete die Grundlage für die spätere Kolonialstadt. Die große Kathedrale und weitere imposante Gebäude entstanden aus Maya-Reliquien.

Blumig: Bunte Show auf der Front von Meridas Kathedrale.

Der Ball brennt

Wir sehen einer Maya-Gruppe beim Pok-ta-Pok-Spiel zu. Dabei handelt es sich um das traditionelle Ballspiel der Maya, bei dem zwei sich gegenüber stehende Mannschaften mit Ellbogen, Körper oder Hüfte einen brennenden Kautschukball durch einen in der Mitte auf zwei bis drei Metern thronenden Holzring bugsieren sollen. Ursprünglich wurde die Verlierermannschaft hingerichtet, heute jedoch lassen die Richter Gnade walten.

Heiße Sache: Das Pok-ta-Pok-Spiel der alten Maya.

Das historische Zentrum der quirligen 900.000-Einwohner-Metropole bietet jede Menge Live-Musik, Vorführungen, Theater und Folklore. Wir begeben uns rund um die Plaza Grande auf Spurensuche durch 500 Jahre Geschichte und schlendern die Prachtstraße Paseo Montejo hinab bis zum imposanten Monumento a la Patria, das die gesamte Geschichte Mexikos plastisch darstellt.

Viel Geschichte: Das Monumento a la Patria.

In der Stammkneipe der Einheimischen

Auf dem Weg gen Süden machen wir Halt in einem der „Pueblos Magicos“, jenen historischen Dörfern und Städten, die es in eine Liste der schönsten des Landes geschafft haben. Die historischen Gässchen von Izamal sind – ebenso wie das große Franziskaner-Kloster – ganz in ockergelb gehalten. Wir erkunden die Maya-Pyramide mitten in der 15.000-Einwohner-Siedlung, als bedrohlich schwarze Wolken aufziehen und Donnergrollen immer näher kommt. Wir retten uns in eine Cantina (Kneipe), als es zu schütten beginnt. Die Einheimischen geben sich hier nach Feierabend aus Caguamas – den für Mexiko typischen 1,2-Liter-Bierflaschen, die Kante. Die Zecher sind genauso verblüfft wie erfreut, dass sich Weiße in ihre Stammkneipe verirren. Wir genießen es, äußerst willkomen zu sein und laben uns an den Tapas, die uns der Wirt auf Kosten des Hauses kredenzt.

Der Cantina-Wirt lässt was springen: Leckere Tapas zur Caguama.

Mit über 80 hoch im Baum

Mit Jimmy haben wir einen Treffpunkt ausgemacht, um gemeinsam gen Belize zur internationalen Independence Bike Rally zu fahren. Auf dem Weg dort hin legen wir einen Zwischenstopp bei einer Maya-Familie ein. Sie kredenzen nicht nur die typische Maya-Küche, sondern entführen uns tags darauf in ihren Sekundär-Regenwald. Dort nämlich dürfen wir einem der letzten noch arbeitenden Chicleros bei der Arbeit zusehen. Don Severo ist über 80 Jahre alt und betreibt das Handwerk seit Kindesbeinen.

Klettermaxe: Schon seit 70 Jahren zapft Don Severo Chicle.

Chicleros zapfen eine kautschukartige Flüssigkeit vom Chicozapote, einem in Zentralamerika und auf der Yucatan-Halbinsel beheimateten Baum. Sein Alter merken wir Don Severo nicht an, als er barfuß und einzig mit einem Hüftgurt ausgerüstet bis in acht Meter Höhe in den Baum klettert, um dort die Schnitte anzubringen, die den begehrten weißen Saft langsam austreten lassen. 70 Jahre Erfahrung sind nicht zu ersetzen. Die Ernte, den „Chicle“, verkauft Don Severo zur Herstellung von Kaugummi.

Langsam rinnt das Chicle vom Chicozapote-Baum in die Gefäße.

Nach ein paar kräftigen Regenduschen unterwegs erreichen wir schließlich den Touriort Bacalar, wo Jimmy bereits mit „Antioxidante“ (Tequila) auf uns wartet. Anderntags absolvieren wir die gut 300 Kilometer zum Event im Nachbarland Belize in Windeseile. Die Hitze ist mit rund 40 Grad schier unerträglich, und uns plagen Kreislaufprobleme. Doch Jimmy hat immer wieder die passende Medizin, sein Antioxidante…

Neue Freunde auf zwei Rädern

Immer mehr Biker aus ganz Mittelamerika und Mexiko treffen ein. Wir sind die einzigen von einem anderen Kontinent. Doch mit jeder Flasche des leckeren einheimischen Belikin-Biers fällt das Spanisch leichter, zu fortgerückter Stunde fachsimpeln wir gar mit unseren neuen Freunden aus Honduras, Guatemala und Costa Rica über Motorradtechnik. Einmal mehr zeigt sich, welche eingeschworene Gemeinschaft Motorradfahrer in Lateinamerika sind. Und wir sind nicht die „Besucher“, sondern Teil der großen Familie.

Keep it in the family: Eingeschworene Gemeinschaft auf der Bike Rally in Belize.

Der vielleicht längste Korso der Welt

Anderntags verlagert sich das Event von San Ignacio nach Placencia – im längsten Motorradkorso, den wir je mitgefahren sind. Gut 180 Kilometer legen wir in einem donnernden Lindwurm zurück, bevor wir am Karibikstrand direkt neben der Veranstaltungskneipe unser Zelt aufschlagen. Gute Stimmung, Live-Musik und Bikerspiele, wie beispielsweise das Hot-Wings-Essen reißen uns mit. Der Moderator verhaftet Andrea stante pede. Sie tritt im Wettessen der menschenverachtend scharf gewürzten Chicken Wings gegen eine Mexikanerin an. Beide plagen sichtlich Schmerzen, dennoch kann die Latina mehr der solcherlei verunstalteten Lebensmittel schlucken.

Scharfe Kontrahentinnen: Andrea und ihre Widersacherin beim Hot-Wings-Wettessen.

Auf dem großen Banner mit sämtlichen Wappen der teilnehmenden MCs prangt auch das Bike-Voyagers-Logo und eine deutsche Flagge, die Organisator Elmer kurzfristig noch hinzugefügt hat.

Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden, denn wir wollen noch einen Abstecher in die Hauptstadt Belmopan zu unserem Freund Darren machen, bei dem wir bereits im Mai einige Tage verbringen und unendlich viel über die Kreol-Kultur und -Küche lernen durften. Das Wiedersehen mit Darren, seinem Cousin Darien und seinem besten Freund Sanie ist äußerst herzlich, Darren zettelt eines seiner legendären Barbecues an, wir üben uns, darin Mehltortillas herzustellen.

Osama-Bin-Fladen: Tom backt Tortillas unter Dariens Anleitung.

Tags darauf wenden wir uns wieder gen mexikanischer Grenze, wir haben uns für ein letztes Wiedersehen mit Jimmy in Bacalar verabredet. Es sollte der beschwerlichste Grenzübertritt unserer gesamten bisherigen Reise werden.

Das Drama an der Grenze

Die Ausreise aus Belize ist schnell absolviert, allein der widerwärtig arrogante Grenzer auf der mexikanischen Seite hat sich zum Ziel gesetzt, uns in die Suppe zu spucken. Statt der gewöhnlichen 180 Tage will der Amtsschimmel uns nur 60 Tage gewähren. Das sei genug, um das Land zu durchqueren. Alternativ müssten wir 180 gebuchte und bezahlte Übernachtungen vorweisen. Dass die sinnlose Schikane nur einen Grund hat, ist uns klar: Der machtgeile Schulterklappen-Kasper will ein Bestechungsgeld. Darauf wollen wir uns aber nicht einlassen. So verbringen wir Stunde um Stunde bei knapp unter 40 Grad im Grenzgebäude, in der Hoffnung, dass der geldgierige Wegelagerer abgelöst wird. Nichts dergleichen geschieht hingegen. Dem amerikanischen Motorradreisenden, der mit uns den Grenzübertritt in Angriff nimmt, will er die Einreise gar ganz verweigern und brüllt auf unflätigste Weise auf ihn ein. Zu dritt beraten wir, was wir tun können, als der Aushilfs-Oberst schließlich einlenkt. Er bietet uns an, uns 180 Tage einzuräumen, wenn wir einen Flug zum Verlassen des Landes vorweisen. Völlig sinnlos, denn unsere Motorräder würden dann ja im Land verbleiben. Einerlei: Mit den letzten paar Kilobyte Internet-Guthaben unseres amerikanischen Mitstreiters buchen wir ein Fake-Ticket für 13 Euro pro Person und bekommen so schließlich unsere 180 Tage. Fünfeinhalb Stunden für einen Grenzübertritt ist bis jetzt ungeschlagener Rekord, und einmal mehr werden wir uns bewusst, welche unglaubliche Errungenschaft der zentraleuropäische Schengen-Raum darstellt. Es ist bereits dunkel, als uns Jimmy mit Empanadas und Antioxidante in Bacalar willkommen heißt.

Wo gehts nach Hai-thabu? Orientierung an der Strecke.

Endgültig gen Norden

Wir sind traurig, als wir uns am nächsten Tag von unserem lieben Freund Jimmy trennen müssen, der uns bei sich aufgenommen und so sehr unterstützt hat. Doch unsere Reise muss weitergehen, und so wenden wir uns gen Campeche, jener reichen alten Kolonialstadt im gleichnamigen Bundesstaat. Wiston, ebenfalls Biker hat uns eingeladen, seine Heimat zu besuchen.

Die Temperaturen kratzen einmal mehr an der 40-Grad-Marke, als wir schweißgebadet in der Stadt an der Golfküste einfahren. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass wir uns womöglich mit einer potentiell tödlichen Tropenkrankheit infiziert haben…

Kilometer: 33872 (+23989)

Unsere Route findet ihr wie immer hier.

Fotos:

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